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Von klassischer KI über Machine Learning und Generative KI bis zu autonomen AI Agents: Dieser Leitfaden erklärt, wie sich KI entwickelt hat, was Agentic AI wirklich bedeutet und wie Unternehmen davon profitieren können.
📖 Lesezeit: ca. 10 Min. 🗓 Mai 2026 ✍️ Markus Zeggel, Head of AI
In Deutschland zeigen 62 % der befragten Führungskräfte gesteigertes Interesse an Agentic AI und übertreffen damit den weltweiten Schnitt von 52 % deutlich. Deutschland liegt damit in der Bereitschaft zur Einführung agentischer KI klar über dem globalen Durchschnitt.(Deloitte AI Institute, Q4/2024)
Die Evolution intelligenter KI-Systeme: Von Machine Learning zu Agentic AI
Jede Generation von KI-Systemen hat eine konkrete Schwäche des Vorgängers gelöst. Wer Agentic AI verstehen will, muss den Weg dorthin kennen.
Bevor wir uns Agentic AI im Detail anschauen, lohnt sich ein Blick auf die Geschichte. Denn autonome KI-Agenten sind keine plötzliche Revolution: Sie sind das Ergebnis eines schrittweisen Fortschritts, bei dem jede neue Technologie die Grenzen der vorherigen überwunden hat.
Dieser Weg führt von klassischer KI und Machine Learning über Generative KI und Large Language Models (LLMs) bis hin zu Retrieval Augmented Generation (RAG) und schließlich zu Agentic AI.
Klassische KI und Machine Learning: Wenn der Computer aus Daten lernt
Machine Learning ist ein Teilgebiet der künstlichen Intelligenz, bei dem ein System aus großen Datenmengen lernt, indem es Muster erkennt, ohne explizit für jede Situation programmiert zu werden.
Ein konkretes Beispiel: Ein Computer soll lernen, Katzenfotos von Hundefotos zu unterscheiden. Du könntest jede mögliche Katze beschreiben oder du gibst dem System tausende Bilder mit der jeweiligen Beschriftung „Katze“ oder „Hund“ und lässt es die Muster selbst herausarbeiten. Genau das ist das Prinzip von Machine Learning.
Wie Machine Learning im Detail funktioniert
Im Unternehmenskontext trainiert man mit Machine Learning einzelne, spezialisierte Modelle. Zwei häufige Anwendungsfälle:
- Klassifikationsmodelle: Das Modell lernt, Eingaben bestimmten Klassen zuzuordnen z. B. könnte man Banktransaktionen in die Kategorien „Lebenshaltung“, „Freizeit“, „Mobilität“, „Gesundheit“, „Wohnen“, „Versicherungen“, „Bildung“, „Einkommen“, „Sparen & Investitionen“ und „Sonstiges“ einordnen lassen .
- Anomalie-Erkennung: Das Modell kennt zwei Klassen – auffällig oder unauffällig. Alles, was von den erlernten Normalmustern abweicht, wird markiert. Typischer Einsatz: Qualitätssicherung in der Produktion oder Betrugserkennung im Zahlungsverkehr.
Ein wichtiger Nachteil: Kommen neue Kategorien oder Aufgaben hinzu, muss das Modell komplett neu trainiert werden. Das macht Machine-Learning-Modelle aufwändig in der Wartung.
Machine Learning im Chatbot-Kontext: Intent- und Entitätenerkennung
Besonders relevant für Chatbot-Anwendungen sind zwei Formen des Machine Learnings:
- Intent-Erkennung: Was möchte der Nutzer? Die KI erkennt die Absicht hinter einer Nachricht – z. B. „Fahrkarte kaufen“, „Preis erfragen“ oder „Route planen“.
Entitätenerkennung (Named Entity Recognition): Worüber redet der Nutzer? Das System extrahiert relevante Informationen aus dem Text – etwa Namen, Zahlen, Orte, E-Mail-Adressen oder konkrete Produkte.
Generative KI und Large Language Models (LLMs): Wenn KI Text versteht und erschafft
Generative KI bezeichnet KI-Systeme, die neue Inhalte erzeugen können wie Texte, Bilder, Audio, Videos. Large Language Models (LLMs) sind der Kern hinter Systemen wie ChatGPT: Sie wurden auf riesigen Textmengen trainiert und können menschliche Sprache verstehen und generieren.
Machine Learning kann Muster erkennen und klassifizieren. Was es nicht kann: Neue Inhalte erzeugen, freie Dialoge führen oder komplexe Fragen in natürlicher Sprache beantworten. Genau hier setzt Generative KI an.
Die Grundidee ist elegant: Indem sich ein Modell in der Trainingsphase durch nahezu unendlich viele Texte aus dem Internet gearbeitet hat, lernt es die Muster menschlicher Sprache so gut, dass es selbst neue, bedeutungsvolle Texte erzeugen kann.
Wie Generative KI funktioniert: Das Prinzip der Textvervollständigung
Wenn du schreibst: „Zu Risiken und Nebenwirkungen, lesen Sie …", vervollständigt die KI diesen Satz auf Basis all dessen, was sie während des Trainings über das Thema gelesen hat. Das Modell ruft keine vorgespeicherten Antworten ab, sondern erzeugt Text auf Basis erlernter Sprachmuster. Das was zunächst mit der Vervollständigung einfacher Sätze begann, hat sich über mehrere Generationen an Sprachmodellen rasant weiterentwickelt.
Generative KI kann damit nicht nur Texte schreiben, sondern auch:
- Texte zusammenfassen oder übersetzen
- Code schreiben und erklären
- Bilder, Audiodateien oder Videos erzeugen (Multimodalität)
- Komplexe Fragen kontextbezogen beantworten
Die technologische Grundlage dieser generativen Systeme bilden sogenannte Large Language Models (LLMs) – Sprachmodelle, die auf riesigen Textmengen trainiert wurden und dadurch menschliche Sprache verstehen und selbst neue Inhalte erzeugen können.
Large Language Models (LLMs): Das Herzstück moderner KI
LLMs wie GPT-4, Claude oder Gemini sind die Sprachmodelle, die hinter modernen KI-Assistenten stecken. Sie wurden auf Milliarden von Texten trainiert und arbeiten nach einem statistischen Grundprinzip: Ausgehend von einer gegebenen Wortsequenz berechnen sie, welches Wort mit der höchsten Wahrscheinlichkeit als nächstes folgt.
Texte werden dafür in kleinste Einheiten zerlegt, sogenannte Tokens. Ein Token kann ein Wort, ein Wortteil oder auch ein einzelnes Zeichen sein. Das Modell verarbeitet diese Tokens in einer Art „Aufmerksamkeitsmechanismus“ (Attention Mechanism), der bestimmt, welche Teile des Textes besonders relevant für die nächste Ausgabe sind.
Wichtig zu verstehen: Jedes LLM hat eine begrenzte Kontextgröße (Context Window), das ist der maximale Umfang an Text, den es gleichzeitig „sehen“ kann. Zu diesem Kontext gehören die Nutzereingabe und alles, was das LLM bereits generiert hat. Deshalb können LLMs auch nicht endlos lange Texte schreiben. Je nach Anwendungsfall packt man noch mehr in den Kontext: die bisherige Gesprächshistorie, Systeminstruktionen und alle weiteren relevanten Informationen. Wie man mit eingeschränkter Kontextgröße im Unternehmenskontext zurechtkommt, zeigt das nächste Kapitel zu RAG.
Multimodalität,Reasoning und Function Calling: Drei wichtige Weiterentwicklungen
Moderne LLMs sind zunehmend multimodal: Sie können nicht nur Text, sondern auch Bilder, Audio und Video als Eingabe und Ausgabe verarbeiten. Ein Nutzer kann also ein Foto eines Vertrags hochladen und per Sprachbefehl eine Zusammenfassung anfordern und das Modell versteht beide Modalitäten.
Dazu kommt das Reasoning: Neuere Modelle generieren zunächst eine interne „Gedankenkette“ (Chain of Thought), denken das Problem durch und liefern erst dann eine finale Antwort. Das verbessert die Qualität bei komplexen, mehrstufigen Aufgaben deutlich.
Function Calling (auch Tool Calling genannt) ist eine eher technische aber extrem nützliche Technik, welche es ermöglicht mithilfe von LLMs Funktionsaufrufe durchzuführen. Bei Function Calling generiert das LLM den Namen und die Aufrufparameter der Funktion, welche es im aktuellen Kontext als nützlich erachtet. Die Funktion selbst wird jedoch anschließend durch die Anwendung wie durch das LLM vorgeschlagen angesprochen.
Beide Eigenschaften, Reasoning und Function Calling, sind die Voraussetzung dafür, dass Agentic AI überhaupt funktionieren kann.
Warum Generative KI allein nicht ausreicht
Generative KI hat klare Grenzen, die in der Praxis schnell sichtbar werden: Obwohl bereits 88 % der Unternehmen KI einsetzen, verzeichnen laut dem McKinsey State of AI Report 2025 mehr als 80 % bislang keinen messbaren Einfluss auf ihre operative Profitabilität allein durch generative KI. Agentic AI soll das ändern.
Generative KI erzeugt hochwertige Inhalte auf Anfrage , aber sie plant nicht, handelt nicht aktiv und greift nicht selbstständig auf externe Systeme zu. Sie wartet auf den nächsten Prompt.
Mehr zu generativer KI findest du in diesem spannenden Beitrag.
Exkurs: KI-Halluzinationen – wenn KI überzeugend falsch liegt
KI-Halluzinationen entstehen, wenn ein Sprachmodell Inhalte generiert, die glaubwürdig klingen, aber sachlich falsch oder komplett erfunden sind, weil das Modell immer versucht, eine plausible Antwort zu liefern, auch wenn es keine verlässliche Information hat.
Beispiel aus der Praxis
Frage an ChatGPT: „Was ist eine Kotstube?“ (Hinweis: Dieses Wort existiert nicht.) Antwort von ChatGPT: „Eine Kotstube ist ein Fachbegriff aus der Imkerei und bezeichnet eine Vorrichtung, in der Bienen die aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind …“ – vollständig erfunden, komplett überzeugend.
Das liegt in der Funktionsweise des Modells: LLMs sind darauf trainiert, hilfreich zu sein und immer eine Antwort zu liefern. Das „Ich weiß das nicht“ muss dem Modell erst beigebracht werden und selbst dann ist es schwer zu gewährleisten.
Wann immer KI-Modelle Texte generieren, die sehr glaubhaft klingen, aber keine faktische Grundlage haben, spricht man von
Halluzinationen. Sie entstehen, weil das Modell in seiner wahrscheinlichkeitsbasierten Logik einfach den plausibelsten nächsten Token auswählt, unabhängig davon, ob die resultierende Aussage wahr ist. (Fraunhofer IESE, 2024)
Genau hier setzt Retrieval Augmented Generation (RAG) an, das wir uns im nächsten Abschnitt ansehen.
Mehr über KI Halluzinationen findest du in diesem Beitrag.
Retrieval Augmented Generation (RAG): Wie KI auf verlässliches Wissen zugreift
RAG (Retrieval Augmented Generation) ist eine Technik, bei der ein KI-Modell vor der Antwortgenerierung gezielt relevante Informationen aus einem definierten Dokumentenfundus abruft und diese als Grundlage für seine Antwort nutzt. Das reduziert Halluzinationen und macht die KI präziser.
Das Grundprinzip lässt sich mit einem bekannten Bild erklären: der Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Du hast einen riesigen Fundus an Dokumenten, etwa Unternehmenshandbücher, Support-FAQs und interne Richtlinien, und möchtest daraus die passende Antwort auf eine konkrete Frage finden. Bevor das LLM antwortet, durchsucht ein spezielles Modell diesen Fundus und findet die relevantesten Textpassagen.
Diese Passagen werden dann zusammen mit der ursprünglichen Frage an das LLM übergeben als zusätzlicher Kontext. Das Modell kann nun eine Antwort generieren, die auf echten, verifizierten Informationen basiert, statt aus seinem Training zu „raten“.
Wie RAG funktioniert: Embedding-Modelle finden die Nadel im Heuhaufen
Damit RAG die richtigen Dokumente findet, braucht es ein sogenanntes Embedding-Modell. Es ist eine KI, die Texte in eine Art numerische Fingerabdrücke übersetzt. So werden Inhalte maschinell miteinander vergleichbar. Der entscheidende Vorteil: Das System erkennt bedeutungsgleiche Inhalte, selbst wenn sie völlig unterschiedlich formuliert sind. Fragt jemand nach einer „Urlaubsregelung“, findet das Modell auch Dokumente zum Thema „Jahresurlaub“, weil es semantische Ähnlichkeiten erkennt und nicht nur nach exakten Zeichenfolgen sucht.
Der Ablauf bei RAG lässt sich in drei Schritte unterteilen:
- Nutzer stellt eine Frage
- Retrieval: Das Embedding-Modell durchsucht den Dokumentenfundus und findet semantisch passende Textstücke
- Generation: Das LLM erhält Frage + gefundene Passagen und generiert eine fundierte Antwort
RAG macht LLMs zu verlässlichen Unternehmenswerkzeugen: Statt ausschließlich auf ihr allgemeines Training zurückzugreifen, kann die KI auf spezifisches Unternehmenswissen zugreifen.
RAG bei DialogBits
Der S-KIPilot, der heute über 200.000 Sparkassen-Mitarbeitende erreicht, setzt auf RAG-Architektur: Das System bindet interne Dokumente, FAQs und Wissensdatenbanken an und liefert Antworten, die aus verifizierten Unternehmensquellen stammen, die Sie selbst kontrollieren.
Erfahre in diesem Beitrag mehr zum Thema RAG.
KI-Evolution auf einen Blick: Von Machine Learning zu Agentic AI
Bevor wir zu Agentic AI kommen, lohnt sich ein direkter Vergleich:

Was ist Agentic AI? Definition und Kernmerkmale
Agentic AI (dt. Agentische KI) beschreibt KI-Systeme, in denen autonome AI Agents eigenständig Ziele verfolgen, Entscheidungen treffen, Aufgaben planen und ausführen ohne bei jedem Schritt auf menschliche Steuerung angewiesen zu sein. Dabei nutzen sie Generative KI als Kern, ergänzen diese jedoch um Entscheidungslogik, Tool-Nutzung und Feedback-Mechanismen.
Bei Agentic AI geht man einen Schritt weiter als bei klassischer Generativer KI: Large Language Models (LLMs) dienen nicht mehr nur der Inhaltserzeugung, sondern werden in Systeme eingebettet, die eigenständig Prozesse und Aufgaben steuern. Ein KI-Agent erhält ein Ziel beispielsweise per Prompt und arbeitet selbstständig darauf hin. Er analysiert das Problem, zerlegt es in Teilaufgaben, delegiert diese an spezialisierte Agenten und führt die Ergebnisse anschließend wieder zusammen.
Der entscheidende Unterschied zu einem gewöhnlichen LLM: Ein AI Agent reagiert nicht nur auf Eingaben, er agiert. Wie ein digitaler Projektleiter, der die laufenden Prozesse überwacht, Entscheidungen trifft und konkrete Schritte ausführt.
Was Agentic AI so leistungsfähig macht, sind vier zentrale Fähigkeiten:
1. Autonomie & Proaktivität: Ein AI Agent wartet nicht auf Eingaben. Er erkennt, was als Nächstes getan werden muss, und kann auch ohne explizite Aufforderung bei jedem einzelnen Schritt handeln.
2. Komplexe Problemlösung und Planung: Der Agent zerlegt umfangreiche Aufgaben in logische Teilaufgaben und arbeitet diese strukturiert ab. Er denkt in Prozessen, nicht in einzelnen Antworten.
3. Tool-Nutzung & Systemintegration: Agentic AI greift aktiv auf externe Werkzeuge zu: CRM-Systeme, ERP-Systeme, Datenbanken, APIs, E-Mail-Schnittstellen. Damit wird der Agent zu einer operativen Instanz im Unternehmen.
4. Multi-Agenten-Systeme: Mehrere spezialisierte AI Agents arbeiten als koordiniertes Team zusammen. Jeder Agent hat klar definierte Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten, wie Mitglieder in einem eingespielten Projektteam.
Was ist der Unterschied zwischen KI-Chatbot und KI-Agent?
Ein KI-Chatbot antwortet auf Anfragen. Ein KI-Agent handelt.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht in der KI selbst – denn beide können dieselben Sprachmodelle nutzen –, sondern in der Handlungsfähigkeit: Ein KI-Chatbot reagiert auf Eingaben und liefert Antworten. Ein KI-Agent verfolgt dagegen eigenständig ein Ziel, zerlegt Aufgaben in Teilschritte, greift auf Tools oder Datenquellen zu und führt Aktionen aus.
Alles Wichtige über AI Agents findest du hier.
Wie Agentic AI intern funktioniert: Architektur, Ablauf und Grenzen
Ein AI Agent besteht aus drei technischen Bausteinen: Tools, Agents und einer Planning Strategy. Was ihn handlungsfähig macht, ist nicht der einzelne Baustein, sondern ihr Zusammenspiel, ergänzt um kontinuierliche Feedback-Loops, die den Agenten in Echtzeit auf Kurs halten.
Tools, sind die Schnittstellen zur Außenwelt: jede API, jedes System, auf das der Agent zugreifen darf. Ohne Tools kann ein Agent zwar denken, aber nicht handeln.
Agents sind die ausführenden Einheiten, die diese Tools einsetzen. Sie empfangen ein Ziel, wählen geeignete Tools aus und koordinieren die Ausführung.
Die Planning Strategy legt fest, in welcher Reihenfolge und nach welcher Logik der Agent vorgeht: sequenziell Schritt für Schritt, parallel bei unabhängigen Teilaufgaben oder adaptiv, wenn neue Informationen den ursprünglichen Plan verändern. Was dieses Zusammenspiel besonders leistungsfähig macht: Agents können dabei selbst als Tools für andere Agents fungieren.
Das Delegationsprinzip: Agenten als Tools für Agenten
Ein übergeordneter Koordinator-Agent (Orchestrator) nimmt die Gesamtaufgabe entgegen, zerlegt sie in Teilaufgaben und delegiert diese an spezialisierte Experten-Agenten, jeder mit eigenen Tools und eigenem Fokus. So entsteht ein arbeitsteiliges, skalierbares System, das weit mehr leisten kann als ein einzelner Agent allein.

Wie der Agent eine Aufgabe verarbeitet: Der operative Ablauf
Nachdem ein Agent sein Ziel erhalten hat, durchläuft er einen wiederkehrenden Verarbeitungszyklus. Dieser Ablauf ist keine feste Abfolge, sondern ein dynamischer Prozess, der sich an die tatsächliche Situation anpasst:
Planen: Der Agent analysiert das Ziel und leitet daraus einen ersten Ausführungsplan ab. Er entscheidet, welche Tools er in welcher Reihenfolge einsetzt und welche Teilaufgaben er ggf. an spezialisierte Agenten delegiert.
Handeln: Der Agent führt den Plan schrittweise aus, ruft Tools auf, verarbeitet deren Rückgaben und trifft auf dieser Basis die nächste Entscheidung.
Überprüfen: Nach jedem Schritt prüft der Agent: Ist das Zwischenergebnis plausibel? Führt der aktuelle Weg zum Ziel? Müssen Annahmen revidiert werden? Diese Selbstreflektion ist ein wichtiger Aspekt, der Agentic AI von einer simplen Automatisierung unterscheidet.
Zielkontrolle in Echtzeit
Der Agent überprüft fortlaufend: Ist das Ziel erreicht? Fehlen Informationen? Muss der Plan angepasst werden? Er prüft nach jedem Schritt, ob er noch auf Kurs ist, und passt seinen Plan an, wenn nicht. Statt einer fixen Abfolge entsteht ein Ablauf, der auf veränderte Bedingungen reagiert. Konkret bedeutet das: Liefert ein Tool ein unerwartetes Ergebnis, zum Beispiel ein leeres Datenbankfeld oder eine Fehlermeldung, unterbricht der Agent nicht einfach die Ausführung. Er bewertet das Ergebnis, entscheidet, ob ein alternativer Weg zum Ziel führt, und passt seine nächsten Schritte entsprechend an. Erst wenn das Ziel nachweislich nicht mehr erreichbar ist oder ein Human-in-the-Loop-Checkpoint ausgelöst wird, stoppt der Agent und übergib die Kontrolle an den Menschen.
Wo Agenten an Grenzen stoßen
Agentic AI ist leistungsfähig, aber nicht fehlerfrei. Drei Grenzen sind in der Praxis besonders relevant:
Halluzinationen beim Tool-Aufruf: Auch bei der Entscheidung, welches Tool mit welchen Parametern aufgerufen wird, können LLMs fehlerhafte Annahmen treffen. Ein Agent kann ein Tool mit einem nicht existierenden Parameter aufrufen oder einen Datenbankwert falsch interpretieren. Deshalb sind Logging und Validierung auf Tool-Ebene keine optionalen Zusätze, sondern Pflichtbestandteile einer produktionsfähigen Architektur.
Fehler-Fortpflanzung in Agentenketten: In Multi-Agenten-Systemen können Fehler eines Experten-Agenten unbemerkt in nachgelagerte Agenten übertragen werden. Ein falsch qualifizierter Lead-Score aus Schritt 2 beeinflusst alle Folgeentscheidungen. Klare Validierungspunkte zwischen Agenten und Human-in-the-Loop-Checkpoints an kritischen Stellen sind deshalb essenziell.
Zieldrift bei unscharf definierten Aufgaben: Wenn das ursprüngliche Ziel zu weit gefasst ist, kann ein Agent in Iterationsschleifen geraten oder Zwischenziele verfolgen, die vom eigentlichen Auftrag abweichen. Präzise, gut abgegrenzte Ziele sind keine technische Formalität, sondern die Grundvoraussetzung für zuverlässiges agentisches Verhalten.
PRAXISBEISPIEL
Automatisierte Lead-Qualifizierung mit Agentic AI
- 1. Kontaktdaten im CRM prüfen und ggf. ergänzen
- 2. Unternehmensinformationen aus externer Datenbank abrufen
- 3. Lead-Score auf Basis definierter Kriterien berechnen
- 4. Bei hoher Relevanz: automatisch Terminvorschlag generieren und versenden
- 5. Zuständigen Sales-Mitarbeiter informieren – inkl. vollständigem Kontext
Ein reales Beispiel: Multi-Agenten-Chatbot in der Baufinanzierung
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Was dieses Beispiel zeigt
Drei spezialisierte Tools, ein koordinierender Orchestrator-Agent, ein Human-in-the-Loop-Checkpoint vor dem finalen Versand. Der Berater hat zu keinem Zeitpunkt selbst gesucht, kopiert oder formuliert und trotzdem die vollständige Kontrolle behalten.
Verwendete Tools in diesem Beispiel
🔍 Kundensuche – Suche nach Kundendaten im internen System 🗂️ Kundenberaterzuordnung – Ermittlung der zuständigen Ansprechpartner 📧 E-Mail versenden – Formulierung und Versand mit Human-in-the-Loop-Checkpoint
Human-in-the-Loop: Der Mensch bleibt entscheidend
Warum Human-in-the-Loop unverzichtbar ist
So leistungsfähig autonome Agenten auch sind: Nicht jede Aktion sollte ohne menschliche Freigabe ausgeführt werden. Das Konzept des Human-in-the-Loop stellt sicher, dass der Agent bei kritischen Schritten – etwa dem tatsächlichen Versenden einer E-Mail oder dem Schreiben in eine Datenbank – eine Bestätigung vom Nutzer einholt, bevor er handelt. Da LLMs auch beim Tool-CallingHalluzinationen produzieren können, ist menschliche Kontrolle bei sensiblen Aktionen unverzichtbar. Ein professionelles System regelt deshalb vorab, bei welchen Aktionen die menschliche Freigabe verpflichtend ist und bei welchen der Agent selbstständig handeln darf.
Wo setzt Agentic AI an? Chatbots, Prozessautomatisierung und Customer Support
Agentic AI entfaltet seinen größten Mehrwert dort, wo klassische Automatisierung versagt: bei unstrukturierten, individuellen und sporadischen Vorgängen. Kundenservice ist dafür ein perfektes Beispiel: Anfragen sind selten wirklich gleich, auch wenn sie ähnlich klingen.
KI-Chatbots mit Agentic AI: Zielorientiert statt dialogbasiert
Klassische Chatbots folgen vordefinierten Pfaden. AI Agents orientieren sich an Zielen. Sie stellen aktiv Rückfragen, greifen auf CRM-, ERP- oder Ticketsysteme zu und können eigenständig Lösungen anbieten oder Prozesse anstoßen. In der Praxis zeigt sich das in sinkenden Bearbeitungszeiten und einer höheren Lösungsquote im First-Level-Kontakt.
Agentic AI in der Geschäftsprozessautomatisierung
Agentic AI entfaltet seinen größten Mehrwert bei strukturierten, wiederkehrenden Prozessen:
- Ticket-Routing: Eingehende Anfragen analysieren, priorisieren und automatisch weiterleiten – inklusive Kontextprüfung.
- Dokumentenprüfung: Verträge und Anträge systematisch auf Vollständigkeit und definierte Kriterien prüfen.
- Antragsbearbeitung: Daten aus verschiedenen Systemen zusammenführen, Plausibilität prüfen, Entscheidungen vorbereiten.
- Interne Wissensabfragen: Kontextbezogene, strukturierte Antworten aus internen Dokumentationsquellen liefern.
- Onboarding: Neue Mitarbeitende durch strukturierte Prozesse begleiten, Unterlagen prüfen und Aufgaben koordinieren.
Gerade in regulierten Branchen sorgt das für Abläufe, die schneller laufen, weniger Fehlerquellen haben und sich lückenlos dokumentieren lassen.
KI-gestützter Customer Support
Im Customer Support übernehmen AI Agents eine zentrale Rolle: strukturierte Erstqualifizierung, Priorisierung anhand von Dringlichkeit und Kundenstatus, Problemanalyse mit Zugriff auf CRM- und Ticketsysteme, autonome Lösung bei Standardfällen – und gezielte Eskalation bei Komplexität. Dadurch entsteht eine durchgängige Automatisierung vom ersten Kontakt bis zur Lösung.
Vorteile und Chancen von Agentic AI für Unternehmen
Skalierung ohne proportionalen Personalaufbau: Was nur agentische Systeme leisten.
AI Agents arbeiten rund um die Uhr und lassen sich nahezu unbegrenzt skalieren, ohne dass Personalkosten proportional steigen. Ob zehn oder zehntausend Anfragen pro Tag: Der Agent arbeitet mit derselben Geschwindigkeit. Der S-KIPilot von DialogBits zeigt das in der Praxis: Über 200.000 Sparkassen-Mitarbeitende werden über eine einzige Agentic-AI-Architektur bedient – ohne proportionalen Personalaufbau im Support.
Aus Minuten werden Sekunden und das bei jedem Vorgang
Wiederkehrende Prozesse wie Datenerfassung, Klassifizierung, Routing oder Terminorganisation laufen mit Agentic AI in Sekunden statt Minuten. Das ist kein theoretischer Wert: Laut McKinsey State of AI Report 2025 berichten Unternehmen, die KI operativ eingebettet haben, von messbaren Prozessverbesserungen während reine Generative-KI-Deployments ohne Agentic-Logik in über 80 % der Fälle keinen EBIT-Effekt erzielen.
Jeder Vorgang läuft nach denselben Regeln, auch der tausendste
Jede Entscheidung folgt denselben definierten Anweisungen und kann lückenlos dokumentiert werden. Es bleibt jedoch zu beachten, dass LLMs nicht deterministisch arbeiten und es somit leichte Unterschiede bei der Bearbeitung gleicher Sachverhalte geben kann. Das macht eine präzise Ausformulierung von Aufgabenbeschreibungen umso wichtiger.
Gerade in regulierten Branchen wie dem Finanzwesen, Versicherungen oder dem öffentlichen Sektor ist das keine optionale Eigenschaft: Der EU-AI-Act fordert für Hochrisiko-Anwendungen genau diese Nachvollziehbarkeit.
Fachkräftemangel abfedern: Routinearbeit an den Agenten, Urteilsvermögen beim Menschen
Wenn Agentic AI Erstqualifizierung, Routing und Standardbearbeitung übernimmt, gewinnen Mitarbeitende Zeit für das, was Maschinen nicht können: komplexe Kundensituationen, strategische Entscheidungen, Beratung mit Urteilsvermögen. In Branchen mit akutem Fachkräftemangel, etwa in der Pflege, der öffentlichen Verwaltung oder der Finanzdienstleistung, ist das keine Komfortfunktion, sondern eine operative Notwendigkeit.
Risiken von Agentic AI: Governance, Halluzinationen und EU AI Act
Die größten Risiken beim Einsatz agentischer KI liegen nicht in der Technologie selbst, sondern in unzureichender Governance, fehlenden Sicherheitskonzepten und unklaren Einsatzszenarien.
Kontrolle & Governance
Autonome Systeme benötigen klare Leitplanken: Vorab muss klar sein, welche Ziele der Agent verfolgen soll, welche Entscheidungen er eigenständig treffen darf und wo er stoppen muss. Ebenso muss festgelegt werden, wann menschliches Eingreifen erforderlich ist, wie bei Unsicherheiten, Ausnahmen oder kritischen Entscheidungen. Ohne Governance-Rahmen riskieren Unternehmen unkontrollierbare Automatisierung.
Sicherheit & Datenschutz (DSGVO, EU AI Act)
Da AI Agents häufig auf sensible Unternehmens- und Kundendaten zugreifen, sind klare Zugriffskontrollen, lückenlose Protokollierung und durchdachte Datenschutzkonzepte unabdingbar. Der EU AI Act sowie branchenspezifische Regulierung müssen berücksichtigt werden.
EU AI Act: Was Unternehmen konkret wissen müssen
Seit August 2024 ist der EU AI Act in Kraft. Agentische KI-Systeme können unter die Hochrisiko-Kategorie fallen, wenn sie in sensiblen Bereichen eingesetzt werden, etwa bei Personalentscheidungen, in der Kreditvergabe oder im Gesundheitswesen. Für diese Systeme gelten besondere Anforderungen: Transparenzpflichten sowie verpflichtende Dokumentations- und Aufsichtsanforderungen, die vor dem Go-live erfüllt sein müssen. Unternehmen sollten frühzeitig klären, in welche Risikoklasse ihre geplanten Anwendungen fallen, bevor sie in die Implementierung gehen.
Typische Implementierungsfehler in der Praxis
Drei Muster, die sich in der Praxis regelmäßig zeigen: Zu weit gefasste Handlungsräume für Agenten ohne klar definierte Grenzwerte. Fehlende Logging-Infrastruktur, die im Fehlerfall keine Nachvollziehbarkeit ermöglicht. Und unterschätzte Testaufwände für Randszenarien (Edge Cases), die im Produktivbetrieb selten, aber kritisch sind. Ein durchdachtes Staging-Konzept mit expliziten Rollback-Optionen gehört zur Grundausstattung jeder seriösen Implementierung.
Wie DialogBits diese Herausforderungen adressiert:
DialogBits setzt auf DSGVO-konforme Architektur, klare Zugriffskontrollen, On-Premise-Optionen und ISO-zertifizierte Infrastruktur – Made in Germany.
Mehr zu Datenschutz & Sicherheit bei DialogBits.
Agentic AI in der Praxis: Drei konkrete Unternehmensbeispiele
PRAXISBEISPIEL 1
Automatisierter Support-Agent: Vom Erstkontakt bis zur Lösung
- Anfrage über E-Mail, Chat oder Webformular eingeht → Agent analysiert und kategorisiert den Inhalt
- Kundenhistorie im CRM abgleichen – frühere Interaktionen, offene Tickets, Vertragsdetails berücksichtigen
- Lösungsvorschlag generieren oder Standardfall direkt lösen (Passwort-Reset, Terminvereinbarung, Statusabfrage)
- Bei Bedarf: gezielte Rückfragen stellen, um das Anliegen vollständig zu klären
- Komplexe Fälle strukturiert – mit vollständigem Kontext – an Mitarbeitende übergeben
- Ergebnis: schnellere Reaktionszeiten, höhere Lösungsquote im First-Level-Support, entlastete Service-Teams
PRAXISBEISPIEL 2
Compliance-Agent für regulierte Branchen
- Eingehende Dokumente (Verträge, Anträge, Richtlinien) automatisiert auf Vollständigkeit prüfen
- Fehlende Angaben, formale Fehler oder Abweichungen von Compliance-Standards erkennen
- Relevante Informationen aus angebundenen Systemen einbeziehen und kontextuell bewerten
- Bei Unstimmigkeiten: automatische Rückfragen oder Eskalation an zuständige Stelle
- Gerade in regulierten Branchen mit hohem Dokumentationsaufwand zeigt sich der Mehrwert deutlich: Prüfzyklen, die früher Tage dauerten, laufen damit in Stunden. Und jede Entscheidung bleibt lückenlos nachvollziehbar.
PRAXISBEISPIEL 3
Interner IT-Support-Agent: Entlastung des Helpdesks
- Eingehende IT-Meldungen analysieren und automatisch priorisieren
- Relevante Log-Daten prüfen, bekannte Fehlermuster erkennen
- Erste Diagnoseschritte durchführen: Zugriffsrechte zurücksetzen, Dienste neustarten
- Standardprobleme direkt lösen; komplexe Fälle mit technischen Informationen weiterleiten
- Standardfälle löst der Agent eigenständig, das IT-Team konzentriert sich auf komplexe Probleme. Bearbeitungszeiten sinken spürbar, und jede Aktion ist automatisch protokolliert.
Fazit & Ausblick: Warum Agentic AI strategisch relevant ist
Agentic AI ist die bislang letzte Stufe einer Entwicklung, bei der jede Generation von KI-Systemen eine konkrete Grenze der vorherigen überwunden hat. Machine Learning konnte klassifizieren, aber nicht generieren. Generative KI konnte generieren, aber nicht handeln. Agentic AI handelt, und das in Prozessen, die Unternehmen selbst definieren und kontrollieren können.
Für Unternehmen ist das eine klare Richtungsentscheidung: Die Technologie ist produktionsreif, und die Einsatzszenarien sind gut dokumentiert. Was Unternehmen jetzt brauchen, ist kein weiteres Pilotprojekt, sondern eine klare Entscheidung, wo sie beginnen.
„Die meisten Projekte scheitern nicht an der KI. Sie scheitern an falschen Erwartungen und fehlender Auseinandersetzung mit dem Thema. Das ist keine technische Frage, das ist eine Frage der Schulung. Gute Lösungen entstehen, sobald man sich einem iterativen Vorgehen hingibt: Ausprobieren, Analysieren, Verbessern, Wiederholen!“
Markus Zeggel Head of AI, Web Computing GmbH / DialogBits

